„Das kommt häufiger vor, als man denkt!“, das wurde mir zumindest von vielen Leuten gesagt. In der Hoffnung, herauszufinden, wie mein Leben jetzt wohl so weitergehen wird, habe ich im Internet nach ähnlichen Fällen recherchiert. Es gab auch eine Handvoll Ergebnisse, aber nicht so ganz das, wonach ich gesucht habe. Deswegen schreibe ich diesen Artikel – falls du also auch deinen Ringfinger verloren hast oder du für den Fall vorbereitet sein willst, könnte der Artikel interessant für dich sein. Am Ende ist jeder Fall anders, doch ich hoffe, es bietet zumindest eine Perspektive.
Wir können uns gerne auch vernetzen, dazu kannst du mich über jenni.marsen@gmail.com anschreiben. Das ist natürlich nicht mein echter Name (:
Der Unfall
Berlin, kurz vor dem längsten Tag des Jahres. Es ist etwa drei Uhr morgens, die Sonne geht bald auf und nach einer durchgetanzten Nacht wäre es doch schön, mit Freundinnen und Freunden am Wasser zu sitzen, den Sonnenaufgang zu bewundern und gemeinsam zu frühstücken (die plant-based Nuggets von McDonald’s, ja, nicht das beste Frühstück).
Dem stand nur eine Sache im Weg – ein Zaun. So ein klassischer, grüner Zaun, ca. 2m hoch und mit kleinen Stäbchen, die oben abstehen. Man könnte einen Umweg gehen und käme dann zum Wasser, aber wenn man zu den coolen Kids in Berlin gehört, geht man ja regelmäßig Bouldern oder macht PoleDance oder sonst was … Also zumindest klettert man gerne an Dingen hoch oder über sie rüber.
Ich war komplett nüchtern und fühlte mich sicher genug, das auch zu versuchen. Es war nicht einfach, aber ich hatte es zumindest auf den Zaun drauf geschafft und saß nun oben. Jetzt musste ich nur noch runter auf die andere Seite. Also Hände auf den Zaun aufstützen, das andere Bein noch rüber schwingen und dann sicher auf dem Boden landen. Hm, meine Hand passt irgendwie nicht ganz zwischen die Stäbe. Naja, ich springe einfach schnell runter, das wird schon.
Beim Springen sehe ich, wie etwas neben mir ins Gras fällt und ich spüre einen Schmerz, als hätte ich mir den Zeh irgendwo angestoßen – ein kurzer, starker Schock der durch den ganzen Körper geht. Mir war direkt klar, dass der Finger, an dem ich einen Ring hatte, ab war. Sofort habe ich dem Freund, der auch rübergeklettert war, gesagt, er solle einen Krankenwagen rufen und fluchte dann einfach nur. Der Rest der Gruppe hatte sich für den Umweg entschieden und kam nun auch langsam an.
Paar Meter entfernt stand eine Bank, auf die ich mich setzen wollte, doch irgendwie musste ich an Mark Benecke denken, der mir sicher geraten hätte, den Finger mitzunehmen. Also ging ich zum Zaun, nahm den Finger und setzte mich dann erst hin.
Ich war froh, dass er nicht wie ein abgeworfener Echsenschwanz gezappelt hat. Und tatsächlich kam auch kein Blut raus. Dennoch wollte ich ihn nicht halten und reichte ihn weiter. Eine Freundin stützte mich etwas, während ich die betroffene Hand hoch hielt und versuchte, ruhig zu atmen, um nicht ohnmächtig zu werden oder komplett in Panik zu geraten. Und dann redete ich. Die ganze Zeit. Darüber, was ich auch noch alles machen könnte ohne den Finger. Darüber, was ich gerade sehe. Und als mir gesagt wurde, dass der Krankenwagen bald da sei, war ich unglaublich erleichtert.
Im Krankenwagen wurde die Hand verbunden und der Finger kaltgestellt. Die Rettungssanitäterin meinte, ich würde kein Schmerzmittel bekommen, sondern wir würden meinen Schock ausnutzen. Schade eigentlich. Dafür habe ich dann wieder die ganze Zeit geredet, weil anscheinend ist das die natürliche Reaktion meines Körpers bei sowas.
Die Behandlung
Im Krankenhaus durfte ich erstmal warten. Die Leute, die da gearbeitet haben, waren alle sehr lieb, aber auch beschäftigt. Also hatte ich niemanden zum Reden. Doch es gab Internet und ich durfte mein Handy benutzen. Ich hörte Musik und informierte mein Umfeld über meinen Zustand. Dann ging es zum Röntgen. Ihr fragt euch sicher wieso, der Finger ist doch ab? Ja, darüber wunderte ich mich auch. Doch tatsächlich wurde geprüft, ob man den nicht doch noch annähen könnte. Fun-Fact: Bei solchen Ringverletzungen kann man den Finger in der Regel nicht mehr retten, weil da zu viel zerquetscht wurde. Das wurde mir auch schon im Krankenwagen gesagt. Aber nach dieser Aktion hatte ich eh schon mit dem Finger abgeschlossen und wollte den auch nicht wieder. So einen Schwächling brauche ich nicht an der Hand.
Ich musste wieder kurz warten und dann ging es zur Operation. Dort bekam ich eine vorgewärmte Decke und wurde unter Narkose gesetzt. Der restliche Finger an der Hand wurde bis kurz über dem untersten Gelenk nachamputiert. Der Satz klingt vielleicht etwas verwirrend, also anders formuliert: An der Stelle des Ringfingers ist nur noch ein ganz kleiner Stumpf, der sich bewegen lässt. Den Finger habe ich nicht mehr wiedergesehen, der wurde einfach entsorgt.
Dann durfte ich noch paar Tage im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung und um ein Antibiotikum zu bekommen. Der Aufenthalt selbst war ganz nett, denn es gab viel Besuch und ich durfte mich draußen frei bewegen. Die Sonne schien und die Anlage war auch sehr schön. Das hat den Heilungsprozess sicher unterstützt, denn statt der angekündigten fünf Tage Aufenthalt durfte ich schon nach zwei Tagen raus. Juhu, endlich wieder im eigenen Bett schlafen! Für Zuhause habe ich dann noch Antibiotika und Schmerzmittel bekommen. Allerdings habe ich die Schmerzmittel nie genommen, weil ich fühlen wollte, falls ich die Hand zu sehr belaste.
Der Heilungsprozess
Nun begann der eigentliche anstrengende Teil: Sich um Dinge kümmern müssen und Geduld aufbringen. Zu Hause lief ich meistens ohne Verband rum, um mich an den Anblick zu gewöhnen. Der Stumpf war noch sehr geschwollen und die Naht sah schon etwas brutal aus. Nach etwa zehn Tagen wurden mir die Fäden gezogen. Das war schon ein erster kleiner Schritt in die Freiheit. Dann habe ich mir eine Handchirurgin gesucht und bekam eine Überweisung zur Ergotherapie. Insgesamt hatte ich 20 Sitzungen, die jeweils etwa eine halbe Stunde gingen.

Die Ergotherapie hatte mehrere Ziele: Erstmal sollte die Hand bzw. der ganze Arm etwas entspannt werden, durch den fehlenden Finger ist die Belastung nämlich eine andere. Und Kraft kann erst wieder richtig aufgebaut werden, wenn da nichts verkrampft ist. Nach zwei Wochen Schonung ist auch einiges an Kraft verloren gegangen. Die Entspannung erfolgte durch Massagen, die ich auch selbst zu Hause machen konnte.
Dazu kam dann noch die Abstumpfung des Stumpfes, denn die Nerven waren da recht empfindlich. Jedes Mal, wenn irgendwas ran kam, war es wie ein kleiner Elektroschock. Dafür habe ich die Hand in verschiedene Bäder getaucht – getrocknete Bohnen, gekühlte Linsen, vorgewärmte Kieselsteine. Und allgemein habe ich den Stumpf verschiedenen Reizen ausgesetzt. Es war ein komisches Gefühl, nicht auf gute Weise.
Zu guter Letzt gab es noch die Narbenpflege, damit sie weich und flexibel ist und nicht ständig weh tut. Das muss ich tatsächlich bis heute noch machen, die Heilung ist da ein langer Prozess.
Das klingt alles ziemlich einfach und entspannt, doch ja, ich hatte vor allem am Anfang ständig Schmerzen, vor allem in der Narbe. Und manchmal bin ich nachts aufgewacht, weil die Hand sehr verkrampft war. Aber das ist zum Glück vorbei. Der Arm ist manchmal noch etwas angespannt nach einem langen Tag, doch da reicht meistens eine Massage.

Der Alltag
Es ist fast schon enttäuschend – so eine dramatische Sache, aber niemand merkt es. Als ich noch den Verband um hatte, haben Leute häufig gefragt, was passiert ist, aber nicht gemerkt, dass ein Finger fehlt. Als der Verband weg war, fiel es Leuten gar nicht mehr auf, selbst nachdem ich ihnen die Hand gereicht hatte und wir schon eine Weile wild gestikulierend gequatscht hatten. Manchmal dachte ich, es sei Leuten aufgefallen, weil sie auf meine Hand geguckt hatten. Aber nein, das hatte sich bisher immer als ein Einfach-nur-auf-eine-Stelle-starren erwiesen. Also der soziale Umgang damit ist recht unspektakulär und mittlerweile spreche ich es auch nur selten selbst an.
Ansonsten gibt es nur kleine lästige Momente: Wenn ich Kleingeld entgegennehme, fällt manchmal was durch. Und als ich Blaubeeren gewaschen hatte, glitten sie mir auch durch die Finger. Bowling ist jetzt etwas schwieriger und Schwimmen fühlte sich anfangs etwas komisch an, geht aber auch noch.
Auf der Tastatur kann ich immer noch schreiben – die Umstellung von zehn auf neun Finger ging überraschend schnell. Gitarre kann ich zum Glück auch noch spielen, da ich den rechten Finger verloren habe und man üblicherweise mit der linken Hand greift. Und auch Sport geht langsam wieder. Da hat es etwas länger gedauert, bis ich meine Hand wie vorher belasten konnte, aber selbst Klimmzüge und PoleDance sind kein Problem mehr.
Und es gibt tatsächlich eine positive Sache: Halloweenkostüme oder Verkleidungen allgemein bekommen jetzt etwas mehr Spannung. Oh, und man kann sich lustige Geschichten zum Unfall ausdenken. Sehr passend auch jetzt zu Silvester, wenn Leute mit Feuerwerk hantieren.
Die Psyche
Viele Leute waren erstaunt, wie positiv ich mit diesem Unfall umgegangen bin und umgehe. Das war tatsächlich das einzige, was mich verunsichert hatte, weil ich dadurch die Sorge bekam, dass ich vielleicht doch was verdränge und was nicht stimmt, weil ich nicht am Boden zerstört bin. Aber ich habe mich unglaublich viel mit dem Stumpf und der Verletzung auseinandergesetzt und für mich erkannt, dass es letztendlich wirklich nicht so schlimm ist. Ich kann mein Leben komplett normal weiterleben. Die Narbe zieht manchmal noch und der Arm ist hin und wieder verspannt, aber das sind Dinge, deren Ursache ich kenne und die ich behandeln kann. Da hatte ich deutlich stressigere Dinge dieses Jahr erlebt, zum Beispiel Wohnungssuche in Berlin.

Der Unfall selbst belastet mich auch nicht. Ich war die ganze Zeit bei Bewusstsein und tatsächlich hat mir das alles sogar gezeigt, was für liebe Leute ich in meinem Umfeld habe und dass ich unglaubliches Glück hatte, dass das alles in Berlin passiert ist. So konnte ich schnell und gut versorgt werden. Es gibt auch keine Ungewissheit: Der Unfall war komplett meine Schuld, sowas wird mir so nicht wieder passieren und der Finger ist weg, der wird nicht plötzlich vor meiner Tür stehen und sagen, dass es ihm Leid tut. Ich kann also gut damit abschließen.
Nur eine Sache hatte mich wirklich nachdenklich gemacht. Ich hatte erwartet, dass nach dem Unfall alles anders wird und sich mein Leben grundlegend verändert. Es ging aber ziemlich viel normal weiter. Dadurch ist mir bewusster geworden, womit ich in meinem Leben unzufrieden bin und habe dann selbst Veränderungen in die Wege geleitet. Wie bei dem Heilungsprozess erfordert das Eigenverantwortung und Geduld, aber das wird es hoffentlich wert sein.
Die Lektion
Passt auf, wenn ihr Ringe tragt. Wirklich, ich habe jetzt schon einige Geschichten gehört. Meine ist eine der harmlosesten. Ansonsten: Solltet ihr so einen Unfall miterleben, bewahrt den Finger steril auf, noch besser zusätzlich trocken und gekühlt. Die Wunde mit einem Stück Stoff oder so leicht drücken und die betroffene Person sollte möglichst ruhig atmen. Es tut am Anfang nicht wirklich weh, weil man unter Schock steht. Aber ruft trotzdem direkt einen Krankenwagen.
Wurde der Unfall durch einen Ring verursacht, kann man sich eigentlich schon direkt vom Finger verabschieden. Dafür kann man schon bald ein neues Körpergefühl begrüßen und sollte lernen, auf seinen Körper zu hören, damit man nicht ständig Schmerzen hat.
Außerdem eröffnet sich einem eine neue Welt an Witzen und Wortspielen. Ob man sie betreten will, ist einem natürlich selbst überlassen. Aber Humor hilft sicher auch, um das alles zu bewältigen.
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die auf irgendeine Art und Weise dabei waren. Freundinnen, Freunde, Familie, alle Leute im Krankenhaus, meine Hausärztin, die Handchirurgin und die Leute in der Ergotherapie haben mir alle sehr geholfen. Danke ❤



